Reise

Der Traum vom Fliegen

Klettern und Abheben am Achensee

Bei „Climb & Fly“ im Rofangebirge am Achensee in Tirol müssen sich die Teilnehmer den Gleitschirmflug mit Flieger-Legende Mad MikeKüng erst verdienen: mit anspruchs- vollen Aufstiegen zum Gipfel. A&R-Redakteurin Bettina Glaser hat das ausprobiert.
Klick, klack – die beiden Karabiner rasten ein. Eben noch war das Stahlseil, das die beiden Sicherungshaken umschließen, nicht zu sehen. Die weiche, drei Zentimeter dicke Neuschnee-Schicht hatte es unter sich begraben – und das mitten im Oktober. Bei der Wanderung von der Bergstation der Rofanseilbahn Richtung Klettersteig waren wir die ersten, die Spuren in den Schnee gezogen haben. Bergführer Andreas Nothdurfter schüttelt
das Seil frei. „Wollt ihr da hoch?“, fragen zwei Wanderer, die zufällig an der Einstiegsstelle vorbeikommen, ehrfürchtig mit Blick auf die winterliche Felswand vor uns. Andreas nickt. „Die Bedingungen sind nicht ganz einfach, so vier- bis fünfmal schwerer als normalerweise“, gibt er zu. Trotzdem ist er sich sicher, dass sich dieser Weg lohnt.

Links und rechts der Abgrund

Dann klettert er flink die erste Felsenpassage nach oben, mit einer Geschwindigkeit, als wäre es ein Spaziergang, und befreit den Stein, soweit das eben möglich ist, von Schnee
und Eis. „Das hier ist ja auch mein Büro“, sagt er und lacht. Der Klettersteig aufs Spieljoch mit mittelschweren C-Passagen (Kategorien von A=leicht bis E=schwer) ist eine Leichtigkeit für den staatlich geprüften Bergführer, der gerne auch frei klettert. Dass er selbst bei der Bergrettung und an der Ausbildung der Bergretter in Österreich beteiligt ist, beruhigt irgendwie.
Schritt für Schritt ziehe ich mich höher, manchmal schneller, manchmal dauert die Suche nach einem passenden Tritt länger. Durchatmen. Dann führt der Steig einen Kamm entlang. Links 400 Meter Steilwand, rechts geht es 100 Meter in die Tiefe. Wer mit Mike und Andreas „Climb & Fly“ erleben möchte, sollte auf jeden Fall fit, trittsicher und schwindelfrei sein. Die Tour richtet sich an Piloten mit eigenem Schirm, die besondere Aufstiege zu Traumstartplätzen erleben, und sportliche Urlauber, die im Tandem mitfliegen wollen. Zusätzliche Schwierigkeit dabei: Auch das Material muss nach oben – und so ein sperriger Gleitschirm-Rucksack kann bis zu zehn Kilo wiegen.

Laufen, abheben, genießen

Oben angekommen, hat es Mike plötzlich eilig. Eigentlich wollte der dreimalige Weltmeister im Akrobatikfliegen, Halter des Höhenflugweltrekords und Überquerer des Ärmelkanals von ganz oben mit dem Gleitschirm starten – doch der starke Wind macht uns einen Strich durch die Rechnung. Auch wenn man es diesem abenteuerlustigen Mann der Lüfte kaum zutraut: Sicherheit hat für ihn oberste Priorität.
Also wieder ein paar Meter runter und den Schirm auf der Wiese ausbreiten. Damit uns der Wind nicht voreilig davon bläst, muss mich Andreas festhalten. Dann geht alles ganz schnell. „Lauf“, schreit Mike. Und ich laufe um mein Leben. Schon nach zwei, drei Schritten heben wir ab. In meinem Kopf tönt es „weiterlaufen, auch wenn wir abheben, solange weiterlaufen, bis ich dir Bescheid gebe“, so wie Mike es mir zuvor eindringlich erklärt hat. Und dann schweben wir. Ganz ruhig. Mit ein paar Kurven schrauben wir uns höher. Wir sehen eine Handvoll anderer Gleitschirmflieger, die sich am Standard-Startplatz neben der Seilbahnstation nicht loszufliegen trauen. Sie können – im Gegensatz zu uns – nicht abschätzen, ob die Nebeldecke unter ihnen eine Lücke zum Durchfliegen aufweist. Wir blicken auf die verschneiten Gipfel der Hohen Tauern, Zillertaler und Stubaier Alpen. Und natürlich sehen wir die Strecke, die wir zuvor mit eigener Kraft zurückgelegt haben. Das entschädigt für alle Anstrengung.

Action pur: Nebel und Steilspiralen

Als ob das nicht genug wäre, bietet sich uns ein besonders Naturspektakel, als wir über die Nebelschicht fliegen. Mike macht mich auf einen kreisförmigen Regenbogen auf dem weißen Dunst aufmerksam. „Da! Ein Halo!“, ruft er gegen den Flugwind. Und davon umrahmt: unser Schatten. Da entfährt selbst dem erfahrenen Voll-Profi, der 800 bis 1000 Mal im Jahr fliegt, ein „Wahnsinn“.
Noch immer versperrt die dichte Nebelschicht den Blick auf den See. Mystisch. Mike sucht das Loch, fliegt uns exakt hindurch. Ein völlig neuer Anblick, als hätten die Panoramabilder im Fernsehen kurz gerauscht und dann gewechselt. Unter uns liegt der smaragdgrüne Achensee, der größte See Tirols, mit dem Ort Maurach. Mikes Worte durchbrechen die stille Idylle: „Willst du normal runter oder noch ein bisschen Action?“ Ich fasse noch einmal allen Mut zusammen. „Action!“ Und schon zwirbelt es uns durch die Luft. Steilspiralen nennt sich das und ist eindeutig die Steigerung von Achterbahnfahren. Bei so viel Adrenalin ist die Landung neben der Pferdekoppel fast schon nebensächlich. Und kitschig noch dazu – links Pferde, rechts die dampfende Achenseebahn und auf dem See das Ausflugsschiff.

Mehr Bilder finden Sie unter www.arcd.de

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